Montag, 9. Juni 2014

Festivalbericht WGT 2014 Leipzig

Da ich selbst nicht mit dabei sein konnte möchte ich mich bei ObscuraLuce & Team bedanken die exclusiv für mein Blog einen lesenswerten Bericht mit Fotos über das WGT 2014 verfasst haben - DANKE!

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WGT Tag 1
Man sollte es kaum glauben: mein erstes WGT! Das programm ist riesig und es fällt schwer, sich zu entscheiden. Zu groß ist das angebot, da hilft es nur vorab 'must haves' zu definieren, und sich ansonsten einfach treiben zu lassen. Der freitag beginnt mit anstehen für die bändchen gefolgt vom einkaufen für das viktorianische picknik. Die stadt ist am späten vormittag des ersten tages bereits deutlich schwarz eingefärbt. Es gibt schon viel zu bestaunen, die bevölkerung verschanzt sich schon mal gern in der straßencafés, die kamera immer bereit, das unglaubliche einzufangen. Nach einem kleinen bummel durch die stadt trieb es uns zur moritzbastei. Hier herrscht mittelalterliches treiben mit viel kunsthandwerk, edlem schmuck und leckeren speisen, in einem zelt lassen wir uns professionell ablichten. Mit dem bus geht es weiter zum clara zetkin park. Hier findet die wohl bekannteste schau der szene statt: das viktorianische picknik. Die kostümierungen sind einzigartig, unvergleichbar, faszinierend. Vor allem wenn pärchen oder ganze gruppen sich thematisch aufeinander abgestimmt haben. Auch hier viele zaungäste, muggles, die einen blick über den zaun in eine bunte fantasiewelt erhaschen wollen. So teilen sich hier friedlichen normale familien mit kindern, alte ehepaare und die schillernde welt der bunten, nicht immer ganz eingeschwärzten paradiesvögel den wunderschönen park mit altem baumbestand und kleinen seen. Romantik pur, erinnerungen an längst vergangene zeiten werden wach. Damen in roben aus dem 18. jahrhundert mit riesen reifröcken unter ausladenden empire kostümen, männer in frack, zylinder mit gehstöcken. jugendstil, romantik, steampunk - alles ist vertreten. Es bilden sich trauben von fotografen um die ausgefallensten erscheinungen. Sehen und gesehen werden. Nach längerem fußmarsch und ein paar straßenbahn stationen kommen wir schließlich im kohlrabizirkus an. In der eigentlichen eissporthalle wird ebm vom feinsten angeboten: rotersand, sitd und hocico haben sich angekündigt. So konnte der kontrast im outfit nicht deutlicher sein: liebliche erscheinungen werden hier durch eher martialische elemente ersetzt. Der eine oder andere cyber ist auch auszumachen. Die ernüchterung bei der einlasskontrolle: mit unserer großen kamera mit wechselobjektiv dürfen wir nicht rein! Also mit der tram wieder zurück zum bahnhof wo unser auto steht - und dann mit dem auto wieder zum kohlrabi. Von rotersand bekommen wir so nur noch drei vier lieder mit. Das publikum geht mit, die halle ist ziemlich voll, im saal wie auf der bühne hat man spaß! Nach kurzem umbau geht es im wunderschönen kuppelbau weiter mit [:SITD]. Nach eingangs kurzem technischen Problem steuert carsten jacek in gewohnter Manier mit seinem druckvollen Gesang durch harte electrobeats. Wir können nicht allzu lange bleiben und verabschieden uns Richtung Agra halle. Die agra halle besteht aus mehreren hallen, die tagsüber zum großen teil als Shopping mall genutzt werden und ein aussergewöhnliches Spektrum an nicht nur Kleidung sondern auch pikantem Zubehör aus der SM Szene angeboten wird. Um das Gelände erstreckt sich ein riesiger gut gefüllter Campingplatz. Doch wir sind für apotygma berzerk hier. Die Norweger um stephan groth haben ja nun schon einige Jahre bühnenerfahrung auf dem Buckel. So führten sie auch hier sehr routiniert durch das Programm, das alte Klassiker wie auch neueres wie Major tom zu bieten hatte. Der Sound war für meine begriffe extrem laut und hart, so dass ich mich ans hintere ende der halle, die inzwischen bestimmt eine Temperatur von 40 grad hatte, zurück zog.

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WGT Tag 2
Nach kurzer nacht machen wir uns nach einem ausgiebigen frühstück auf unserer hotelterrasse auf, Richtung Innenstadt. Der planet brennt und die Temperatur liegt schon bei 30 grad. Wir gehen ins Museum und zwar in die Stasi unterlagenbehörde. Da unsere gruppe aus drei ehemaligen DDR bürgern besteht, wird die Ausstellung 'Kinder der nacht - unangepasst und überwacht' besonders lebendig. Neben vortragen finden sich hier vor allem verhörberichte und Fotos der 'delinquenten' Man kann in alten Akten stöbern, Filmmaterial ansehen, das die Methoden der Stasi deutlich macht und sich einen teil der Müllsäcke mit geschreddertem aktenmaterial ansehen, das noch in mühe voller kleinstarbeit zusammengesetzt und gesichtet werden soll. Vor dem Museum kommen wir mit dem Drummer der band 'joy of life' ins Gespräch, die am tag zuvor ihren auftritt auf dem WGT hatte. Auch er zeigte sich sehr beeindruckt von der Ausstellung und überhaupt vom wilden Osten. Er ist nun schon zum dritten mal aus london nach Leipzig angereist Es ist so heiß, wir suchen uns durch das dichte Gedränge in der Innenstadt ein schattiges Plätzchen in einem eiscafe. Nach der Stärkung zieht es uns nochmal zur moritzbastei mit seinen mittelalterlichen verkaufsständen. Auch hier ist das Angebot an fantasievollen Fotomodellen riesig: wir setzen uns in den schatten und lassen die illustren Figuren an uns vorbei defilieren. Nach kurzem einkaufs stop sind wir wieder im Clara zetkin park und veranstalten ein kleines Picknick am Ufer der Elster und lauschen den fernen klängen der livebühne im park. Nach der stärkung gehen wir den klängen nach und landen bei ewigheim, einer dark metal band aus Thüringen. Wunderschöne tiefe stimme und eingängige gitarrenrythmen. Dann schweben die Untoten über die parkbühne, eine dark band um die Sängerin und Künstlerin grata Csatlós. für mein empfinden passen weibliche stimmen nur selten in die die schwarze musikszene. Das ist einfach zu zart und auch bei den untoten nicht anders. Zum glück haben sich inzwischen ein paar wolken vor die erbarmungslose sonne gestellt, was allerdings nur wenig linderung vor der hitze bedeutet. Wir fahren weiter ins NonTox LE, wo noisuf x erwartet wird. Quasi im vorgarten dieses nachtclubs geben jan L und kollege ein mitreißendes konzert vor ca 700 cybers gemäß dem motto 'deutschland braucht bewegung'. Diese kommt auch nicht zu kurz und zu Hits wie Warning, hit me hard oder click click geben die EBM jünger trotz immer noch hohen Temperaturen dieser Leipziger nacht alles. Vollkommen erschöpft machen wir uns im anschluss wieder zurück in die innenstadt wo uns ein kontrastprogramm erwartet wie es nicht größer sein könnte: im städtischen kaufhaus, einem ehemaligen messehaus, gibt es in einem der gewölbekeller des lichtdurchfluteten stadtpalais, ein schmankerl der extraklasse. exklusive ausstattung, wallende stoffbahnen, arkaden, kronleuchter mit brennenden kerzen, canapes mit großen kissen, viedeoleinwände mit historischen szenen aus ludwig XVIII filmen, eine galerie über der dunklen tanzfläche - all das lädt ein zur dunkelromantischen nacht. Die musik spährisch schwarz, dunkel, romantisch, ruhig und langsam. Man erscheint in wallenden historischen gewändern und bewegt sich dezent. Wenn auch musikalisch nicht mein geschmack getroffen wurde, man muss das einmal gesehen haben. Müde fallen wir ins bett.

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WGT Tag 3

Ein neuer tag erwacht, dieser tag soll noch heißer werden. Doch lieber an den See fahren? Nein, unser Auftrag lautet anders und da darf keine schwäche gezeigt werden. Doch wir lassen es ruhiger angehen. Temperaturen von 37 grad lähmen doch etwas. Shoppen steht erstmal auf dem programm. So fahren wir zur agrahalle, die eine halle ist komplett dem verkauf von Kleidung, Schuhen, schmuck, fetisch, accessoires und Musik verschrieben. Die Auswahl ist enorm. Es gibt so viel zu sehen und zu bestaunen. Viktorianische roben und installationen, hörner für den kopf, fantasievolle Korsagen, schwere mit nieten überladene Gürtel, Perücken, gewagtes Schuhwerk und nicht zu vergessen die sonderlichen medizinischen Instrumente auf dem SM stand. Wir ziehen weiter ins heidnische Dorf mit seinem mittelalterlichen treiben: musik, handwerkskunst, leckere Spezereien und die Jungfrauen Versteigerung lassen uns teil einer vergangenen zeit werden. Es ist voll und wir schieben uns durch die menge, machen eine längere pause und sind dankbar für den Baumbestand, der uns reichlich schatten spendet. Wir wollen nochmal zurück in die Innenstadt und nehmen dort angekommen ein leckeres spaghettieis ein, dankbar sind wir für den riesigen Ventilator, der auch feine Wassertropfen versprüht. So lässt es sich aushalten. Über den markt geht es dann ins darkflower, einem schwarzen musikclub. Hier gab es wohl einen release party des neuesten Albums von lord of the lost. Leider ist die band schon wieder weg als wir ankommen. Musiktechnisch wird hier eher NDH geboten, was wir bis jetzt noch gar nicht hatten. Unser plan ist, Richtung Kohlrabizirkus aufzubrechen. Hier werden einige Highlights erwartet. Als wir eintreffen spielt noch metroland aus Belgien, einer von Kraftwerk inspirierten elektroband. Und so ähnlich klingen die beiden Herren auch. Die musik macht lust auf mehr und ich werde mich im nachgang zum festival hier tiefer einhören. Die halle füllt sich zusehends, denn jetzt werden chrom erwartet. Es ist so schön zu sehen, wie sich diese band inzwischen fest etabliert hat und eine breite Anhängerschaft vorweisen kann. Ihr auftritt mein persönliches Highlight. Kraftvoll, romantisch, melodisch, tanzbar, sehnsüchtig. Es werden Klassiker wie loneliness, losing myself oder Memoires gespielt. Ich schwelge bis zum Schluss dahin und bin ganz vorne dabei. Die Jungs arbeiten momentan an einem neuen Album und wir konnten bereits ein Lied davon hören, das durchaus Lust auf mehr macht. Danach kamen die old Stars von solitary experiments auf die Bühne, die ihr gewohntes Programm routiniert abspulten. Ich bin nur teilweise dabei, ich habe die Jungs um dennis schober erst vor wenigen Wochen live gesehen. So nutze ich die Chance mich vor der halle auf eine der wenigen Bänke zu setzen und bei einem kühlen Getränk mit anderen ins Gespräch zu kommen. Ich treffe auf menschen, die bereits seit 7 bzw. 13 Jahren regelmäßig zum WGT pilgern - und auch vorhaben das weiterhin zu tun. Ich lausche gespannt, wie sich das Festival über die Jahre immer mehr vergrößert hat, professioneller aber natürlich auch kommerzieller wurde. Als anne clark drinnen anspielt und weitere menschen massen in die halle strömen, zieht es mich auch kurz in die halle, um, wie es einer meiner gesprächspartner sagte, der Großmutter von uns allen zu lauschen. Ja, es werden Szenen der Vergangenheit wach, wenn ich auf dieses Relikt meiner Jugend treffe. Ich freue mich für sie, dass die schwarze Szene sie nach einigen Jahren in der Vergessenheit wieder entdeckt hat und sie doch inzwischen jedes Jahr hier in deutschland zu sehen ist. Dennoch werde ich mit den neuen Überarbeitungen ihrer Klassiker wie sleeper in metropolis nicht warm. Zu viel hat sich der Titel vom original wegentwickelt, was ihr gutes recht ist und ich auch bewundere. Viele Künstler, die seit Jahrzehnten aktiv sind spielen ihre Hits immer gleich, wie fantasielos. Anne clark hat sich hier weiterentwickelt und überzeugt auch heute noch durch unaufgeregte, intensive Präsenz.

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Fazit:
in Abgrenzung zum Amphi und Mera Luna  hat das WGT seinen eigenen Reiz, da es über die ganze Stadt verteilt ist. man pilgert - meist per Tram - durch die Stadt und kommt mit vielen - nicht nur schwarzen - Leuten ins Gespräch. es herrscht viel Toleranz auf beiden Seiten. wir sind auf jeden Fall nächstes Jahr wieder dabei!

ObscuraLuce